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Begegnung

Zwischen Silmenitz und Dumsevitz, am Ende der Sandpiste hinunter zum Bodden, standen auf einmal zwei Kühe am Wegesrand. Auf der Weide graste eine Herde Rinder: hinter dem Zaun – bis auf zwei Tiere, die es auf die andere Seite geschafft hatten, auf unsere Seite. Wir blieben stehen und überlegten, was wir tun sollten. Einerseits große Tiere, andererseits wollten wir gern hier lang. Die beiden sahen friedlich aus, noch nicht ausgewachsen, sie fraßen und interessierten sich nicht weiter für uns. Sonst kein Mensch weit und breit zu sehen, Samstagmittag abseits der großen Touristenrouten, die Sonne knallte vom Himmel. Wir beschlossen, vorsichtig vorbeizufahren und näherten uns weiter, bis auf zehn Meter vielleicht. Dann sah eines der Rinder hoch, guckte uns neugierig an und stellte sich quer auf den Weg. Deutlich und unverkennbar ein Bulle, ein junger Bulle. Wir drehten um und sausten den Hügel wieder hinauf. Der Bulle widmete sich erneut dem Gras am Weidezaun.

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Zum Südperd

Jede Reise muss ein Ziel haben.

In Lietzow umsteigen. Die Bahnstrecke führt von hier aus direkt am Kleinen Jasmunder Bodden entlang, einen Meter von der Küstenlinie entfernt. Fensterplatz in Fahrtrichtung rechts.

In Binz müssen alle aussteigen. Über die Höhen der Granitz schafft es kein Zug. Die Radtour beginnt mit einer Bergwertung.

Ab Sellin ist die Oberfläche Südostrügens vollständig mit Autos bedeckt. Die Fahrradfahrer werden auf Radwege mit Mindestbreite und aufgeplatzter Oberfläche gequetscht. Alle fahren hochkonzentriert und in Reihe. Verzweifelte Eltern versuchen ihre Kinder vor entgegenkommenden E-Mountainbikes mit gepanzerten Fahrern zu warnen.

An der Straße zwischen Göhren und Lobbe wird eine Zeitreise veranstaltet: ein verfallenes Kinderferienlager, eine Rehaklinik mit grünen Kunststofffenstern, ein niemals fertig gebautes Hotel und serielle Ferienhäuser mit Schilfdach, die Urlaubern mit der Erzählung vermietet werden, sie seien irgendwie ortstypisch, naturnah, angepasst, nachhaltig, was weiß ich.

Der Laden in Thiessow hat noch immer die Bodenfliesen aus schwarz-grauem Stein, auf denen Einkaufswagen mit blockierenden Rädern dieses Kaufhallen-Geräusch machen.

Kurz vor dem Südperd keine Lust mehr, die letzten hundert Meter bis zur geographischen Südspitze Rügens auch noch zu gehen.

Als wir wieder im Zug sitzen, kommt die Sonne heraus.

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Gemeingebrauch

Am Hauptübergang zum Strand in Trassenheide haben sie ein Häuschen aufgestellt, an dem Eintritt kassiert wird. Die Frau im Häuschen spricht alle Leute an, die einfach vorbeigehen wollen. Wir drehen also um und gehen die Promenade weiter, zum nächsten Strandübergang, nur um dort einem mobilen Mitarbeiter der Kurverwaltung in die Arme zu laufen.

– Haben Sie eine Kurkarte?
– Noch nicht, sage ich. Aber gleich!
– Vier Personen mal zwei fünfzig, das macht dann zehn Euro, sagt er.
– Wir wollen nur kurz an den Strand, sage ich, aber mir ist schon klar, dass das nichts nützen wird.
– Trotzdem, sagt er, und dann, als ob er uns trösten wolle: Die Karten gelten auch den ganzen Tag, auf der ganzen Insel.
– Das glaube ich aber nicht, sage ich mit so viel Bestimmtheit, dass er stutzt und mich fragt, woher ich das denn wisse.
– Ich mache das beruflich, antworte ich etwas vage, aber natürlich habe jede Gemeinde ihre eigene Kurkarte, das sei ja das Verrückte, wenn man nur am Strand langlaufen wolle, so wie wir, müsse man in jedem Ort neu bezahlen.
– Das stimmt schon, aber es gibt so eine Art Abkommen zwischen den Gemeinden, die Kurkarten gegenseitig anzuerkennen, sozusagen inoffiziell, sagt der Mitarbeiter. Auch wenn das eigentlich nicht geht.

Inzwischen habe ich bezahlt. Kurz denke ich darüber nach, ob ich unser Gespräch mit einem Zitat der Landesverfassung fortsetzen sollte: Land, Gemeinden und Kreise schützen und pflegen die Küste mit den Haff- und Boddengewässern. Der freie Zugang zu ihnen wird gewährleistet. Oder mit dem Wassergesetz: Jedermann darf die Küstengewässer unentgeltlich zum Baden und zum Wasser- und Eissport benutzen und hierzu den Strand betreten. Aber es gibt eigentliches nichts Schlimmeres als Juristen, die sich im Alltag als solche zu erkennen geben. Das will niemand. Außerdem mag ich Trassenheide.

In Zinnowitz dann leider keine Kontrollen.

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